
Prolog
"Einer flog gen Ost,
Einer flog gen West,
Einer flog über das Kuckucksnest"
(amerikanischer Abzählreim ...)
Das Wort "Anstalt" war früher sehr beliebt. Es gab kartographische Anstalten, versuchstechnische Anstalten, städtische Gasanstalten, Bildungsanstalten, Anstaltspackungen, öffentliche Bedürfnisanstalten, Anstalten öffentlichen Rechts, Elektrizitätsanstalten - und wo wir schon bei der Elektrizität sind, ja es gab auch diese Anstalten, in denen das Motto galt: "Besser leben durch Elektrizität!" Zugegeben, das war größtenteils bevor am 11. Februar 1958 der Mitarbeiter der Firma Janssen, Bert Hermans, das Haloperidol synthetisierte. Dann hieß es eher: "Bei allen Arten von Psychosen hilft Haldol in hohen Dosen!"
Den Todesstoß versetzte dem Begriff "Anstalt" wohl die 1975 erschienene Psychiatrie-Enquête, die zugleich der Anfang der Psychiatrie - Reform war.
Seit dem schämt man sich doch eher für dieses mittlerweile altmodische Wort, denn es wird assoziiert mit vergitterten Fenstern, hohen Mauern, Einheitskleidung, schrillen Schreien und eben auch mit nicht unbedingt fach - und sachgerecht angewandter Elektrizität.
Aber irgendwo tief im Odenwald, in Musterstadt hat eine solche Anstalt überlebt, oder sagen wir so: Der Begriff Psychiatrie - Reform hat den verschlungenen Weg über bewaldete Berge und tiefe Täler noch nicht bewältigt. Und darum gibt es sie hier noch - Die Anstalt! Darin gibt es auch keine Pflegedienstleitung, sondern eine Oberschwester. Da es in einer Schwestern - Hierarchie, welche man auch als Monarchie bezeichnen kann, lange dauert, bis man sich nach oben gearbeitet hat, ist die besagte Oberschwester schon 86 Jahre und müsste aufgrund ihrer Demenz schon selbst Insassin ihrer eigenen Anstalt sein. Ihre Stellvertretung ist ebenfalls eine Oberschwester, etwa im gleichen Alter, die schon so dement ist, dass sie die Tür zu ihrem eigenen Büro nicht mehr findet. Die Leiterin der Anstalt ist schon 90, im Kopf aber noch bestens in Schuss und im Übrigen die Tante des Bürgermeisters von Musterstadt.
Das interessanteste architektonische Merkmal der Anstalt ist zweifellos der Speisesaal der Anstaltsinsassen. Dieser ist einer verkommen Bahnhofsgaststätte 4. Klasse (oder noch darunter) nachempfunden, was nicht unbedingt an chronischer Geldnot der Anstalt liegt, sondern vielmehr am chronischen Realitätsverlust der Anstaltsleitung, deren Motto da lautet: "Es ist doch alles nicht so schlimm, kein Grund zur Aufregung und erst recht nicht zu Veränderungen!"
Interessant ist übrigens auch die Besoldung des Anstaltsperonals. Getreu dem Bibelspruch, dass jeder arbeitende Mensch seiner Speise wert ist, wird jeder Mitarbeiter einmal im Monat gewogen und sein Gehalt entspricht der einfachen Formel 1 Gramm = 1 Euro geteilt durch verabreichte Haloperidol - Dosen in mg pro Monat minus der Anzahl verwendeter Inkontinenzprodukte in Stück pro Monat. Aufgrund dieser arbeitgeberfreundlichen Berechnungsgrundlage bleibt für einen normalgewichtigen Arbeitnehmer immerhin das Geld für das Salz in der Wassersuppe übrig.
Was nun Sonja Mümpfel in der Anstalt erlebte, das lesen Sie demnächst hier im SkurilNet - Blog.
Also bleiben Sie schön wirr und irr im Kopf!
—-- Artikel wurde erstellt auf meinem iPhone, während ich in einer Zwangsjacke steckte